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  • die Baumpflegerin

Die Flut und das Chaos, oder Wie alles begann

Aktualisiert: 23. Sept. 2021




Die Flut kam und nahm das Leben vieler Menschen mit. Wir hingegen saßen im Urlaub in Norditalien bei einer Tasse Kaffee im Sonnenschein. Von den andauernd eintrudelnden Nachfragen nach unserem Befinden beunruhigt, traten wir die Rückreise an. Die Pegelstände in der Schweiz mit ihren überlaufenden Flüssen und die unklaren Nachrichten aus der Heimat irritierten zunehmend. Auf der Fahrt wurde am Telefon bereits klar, dass wir verschont geblieben waren. Eine Freundin aus dem Swist-Tal hat jedoch alles am Rande des Katastrophengebietes mitbekommen und war seit der Flutnacht im Dauereinsatz in den umliegenden Dörfern am räumen, anpacken, aushelfen.

Als einheimische Wandergesellen, also Gesellen, die ihre Wanderschaft schon hinter sich haben, kam schnell die Idee auf, bei ihr auf dem Hof ein Camp für Wandergesellen, die helfen wollen, zu errichten. Der Krisenstab war schnell gefunden und bestand aus einem Zimmerer, einem Tischler, einem Maurermeister (alle einheimisch FVD), einer Gärtnerin (einheimisch freireisend), und einer Baumpflegerin. Es wurden Zelte aufgestellt, Camper angekarrt, eine Küche provisorisch eingerichtet und sich mit den umliegenden Spendenlagern vernetzt, Essen, Hygieneartikel, Frischwasser angeliefert. Das Camp schwoll innerhalb weniger Tage auf über 20 Helfer an. Tagsüber gings in die umliegenden Dörfer, die Einen bildeten Menschenketten und schaufelten Keller aus, die Anderen fuhren mit 7.5t LkWs den Müll aus den Straßen auf die Dorfdeponien. Am ersten Wochenende kamen 20 Helfer aus den Bereichen Baumpflege und Nationalpark Hunsrück dazu, mit Hofladern und viel Engagement.

Sie kamen fast nicht zum Einsatz. Die Menge an Helfern und an Schaulustigen war an diesem Wochenende so groß, dass kein Vorankommen war. Beim Räumen mit schwerem Gerät musste man aufpassen, keinen der vielen Menschen auf der Straße zu übersehen. Sobald man eine Baustelle gefunden hatte, stürzte man sich in die Arbeit, versuchte Wege durch das Getümmel zu finden, irgendwie eine Arbeitslogistik aufzubauen. Abends wurde das weitere Vorgehen anhand dem Erfahrenen besprochen.

Es war eine unruhige Zeit, in der sich viele verausgabten. Von den Nöten der Betroffenen getrieben versuchte man durch seine Hilfe etwas wiedergutzumachen an dieser unglaublichen menschlichen Tragödie, dieses Desasters für die Umwelt und dieser wahnwitzigen Ressourcenverschwendung. Und jeden Tag gab es mindestens ein Geschenk. Wir bekamen Hilfsmittel zur Verfügung gestellt, wir konnten unser Lager ausbauen, konnten Werkzeuge, Autos, Baumaterialien benutzen. Alles umsonst. Die Solidarität der Menschen für die Flutopfer ist enorm und ich bin irgendwie trotz allem froh, Teil davon sein zu können.

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