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  • Ingo Frenzel, eFVD

zur derzeitigen Situation im Krisengebiet Ahrtal

Aktualisiert: 14. Juli

Mit kameradschaftlichem Gruß an alle Gesell*innen und Interessierte aller Couleur und Nationalität. Als alter Spinner, der im letzten Herbst zwei Monate im Ahrtal bei der Fluthilfe mitschaniegelte und dabei auch in Ringen am Pennenleben teilhaben durfte („Gesellen, räumt doch mal den Tisch ab!“), möchte ich von meinen Erlebnissen dort berichten:


Die Absage einer Beschäftigung im Saarland hatte mich damals ins Ahrtal verschlagen. Ich war überzeugt, dass meine Arbeitskraft dort dringender gebraucht wurde. Doch was ich schließlich erlebte, machte es mir schwer an den Wochenenden im Saarland abzuschalten. Ich fühle mich dem Projekt unserer Gesellen und vor allem den von der Flut betroffenen Menschen noch heute verbunden.


Seit 33 Jahren und 3 Monaten bin ich Freier Vogtländer. Der CCEG-Gedanke liegt mir immer noch nah, gerade die Reisezeit mit und bei den Compagnons der Federation. Aber was ich im Gesellen-Helfen-Camp erlebte, überwältigte mich. So etwas gab es in dieser Größenordnung noch nicht, es wird angepackt, vieles fügt sich wie von selbst. Die Repräsentation nach außen brummt: Wir stufen uns weder zurück auf einen aus der Zeit gefallenen Traditionsverein, der längst vergessene Arbeitstechniken beherrscht, noch verkommen wir zu einem Partyverein, der bloß auf Kommando schmoren kann. Doch auch nach Innen ist sehr viel passiert: Aus Schnackern werden Macher, Vorurteile gegenüber anderen Schächten, übernommene oder selbst erlebte, spielen keine Rolle und auch die Geschlechterfrage wird mal gerade - „schwupps“ - über Bord geworfen! Warum? Es geht um die Hilfe. Jeder tut was er kann, denn es zählt nur das Handeln.


Vom allgemeinen Handwerkermangel brauche ich gar nicht zu schreiben, dort ist es extrem. Die betroffenen Menschen an der Ahr und in den betroffenen Gebieten in der Umgebung sind sehr, sehr dankbar über die Hilfe, aber auch teilweise traumatisiert. Sie haben Hab und Gut verloren, am schlimmsten wiegt der Verlust ihrer Liebsten. Die Behörden haben versagt - und tun es immer noch! Es geht nur über Eigeninitiative und spontane Aktionen voran. Die richtigen Menschen finden sich, es entstehen Freundschaften; ich habe selbst ganz tolle Leute kennengelernt. Jedoch treiben auch Baumarkthandwerker, die im Keller eine Arbeitshose gefunden haben, Silikon- und Montageschaumveredler, Versicherungsbetrüger und Sklaventreiber für Osteuropäer ihr Unwesen im Ahrtal. Bei der verunsicherten Bauherrschaft besteht daher ein sehr hoher Beratungsbedarf. So hat beispielsweise unser lieber Kamerad Sascha Nitsche einen Informationsleitfaden zur Fachwerkrettung an Betroffene herausgegeben. Durch Lehmbau- und Fachwerkkurse wird Wissen weitergegeben. Man kann in den umliegenden Betrieben angemeldet schaniegeln oder mit seiner Firma Projekte übernehmen. Jeder, der Teil des Ahrtals wird, wächst an seinen Aufgaben und verändert sich. Doch Vorsicht, es kann auch viel Kraft kosten!


Nach der großen Flut am 15. Juli 2021 haben sich ein paar einheimische Eifeler Gesellen zusammengetan, um ein Basislager für Gesellen-Helfer zu errichten. Innerhalb von wenigen Tagen waren Einheimische, Reisende aus allen Ecken und Kanten, Fahrzeuge, Material, Werkzeug, Spenden und vieles mehr vor Ort, um Hilfe zu leisten – als erstes hieß es nun: Schlamm schippen! Aus dem Nichts, auf der grünen Wiese wurde ein Helfercamp errichtet, und alle halfen, wo sie nur konnten, unbürokratisch und fix. Die CCEG stellte ihr Konto für Spenden zur Verfügung, Pfadis ihr Zelt und Küchenutensilien, Freunde, Verwandte der Helfer, alle kamen mit, suchten sich ein Quartier und eine Aufgabe. Dieser Geist hält nach einem Jahr immer noch an: Wir haben bereits gezeigt, dass wir füreinander und für andere da sind wenn es gilt, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun. Und das wollen wir auch heute und in Zukunft weiter tun. Ich glaube, so es hat uns die Landstraße und das Leben in der Fremde gelehrt.


Momentan ist es ruhig auf Penne. Aufgrund von Corona waren zwischenzeitlich bis zu 20 Gesellen da; Reisende sind richtig gut stapelbar. Jetzt strömen sie wieder auf die Landstraße und dürfen durch die Kneipen ziehen – was ein Glück! Deshalb appelliere ich an die Einheimischen, die Erfahrenen. Wie wäre es, anstatt einer Woche Urlaub auf Mallorca zum Fressen und Saufen (und das noch mit dem Flieger), eine Woche zur Aufbauhilfe mit „echten Wandergesellen“ im Ahrtal zu verbringen? Da könnt ihr noch Euren Enkeln von erzählen…

Holz hin!


mit kameradschaftlichem Gruß und Handschlag,


e.F.V.D. Ingo Frenzel


aktuell in der Presse dazu (link bitte selbst kopieren, die NZZ blockiert die Einbettung)


https://www.nzz.ch/gesellschaft/wir-muessen-die-leute-erst-mal-zurueck-in-ihre-haeuser-bringen--ld.1692193



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